Dante schmunzelt, als er sich bemüht, weiter konzentriert zu arbeiten. Seine Brille, die er seit einiger Zeit beim Lesen tragen muss, rutscht ihm dabei von der Nase und er sieht mich über ihre Ränder hinweg an.
»Was?«, fragt er.
»Nichts«, erwidere ich nur und lache leise in mich hinein. Ich kann ihm jetzt schlecht sagen, wie heiß er mit dieser Brille aussieht. Oder wie die einzelnen grauen Strähnen in seinem dichten Haar ihn noch attraktiver machen. So sehr, dass ich nervös auf meinem Platz hin und her rutsche und mir fast der Laptop vom Schoß fällt.
Dante hebt eine Augenbraue, aber er sagt nichts. Diese Diskussion haben wir vor Jahren schon geführt. Er wollte mir unbedingt einen eigenen Schreibtisch ins Büro stellen und ich habe immer wieder abgelehnt. Nicht, dass ich es nicht wollte. Ein eigener, echter Arbeitsplatz hat etwas für sich, weshalb ich auch mein eigenes Büro habe, das ich allerdings praktisch nie nutze. Aber hier, in den geschäftlichen Räumlichkeiten eines Dons, einen zweiten Schreibtisch aufzustellen, käme einem Skandal gleich. Auch wenn jeder in der Firma weiß, dass mein Wort genauso viel Gewicht hat wie das von Dante, müssen wir eine gewisse Etikette wahren. Mein Mann hat zwar versucht, mir weiszumachen, dass die Cosa Nostra nicht so ein verstaubter Laden ist, wie es den Anschein hat, doch die Staubschicht ist sehr dick und nicht einfach wegzuwischen.
So sitze ich also wie immer auf dem Ledersofa, mein Arbeitsgerät auf dem Schoß, studiere die aktuellen Lieferscheine und gleiche sie mit der internen Liste ab. Manchmal kann die Arbeit ziemlich eintönig sein, aber hier im Haus gibt es genug Ablenkung.
»Wo ist sie?!«, höre ich Misha durch den Flur brüllen. Er ist mitten im Stimmbruch, und diesmal klingt er nicht wie ein erstickendes Küken.
»Oh oh«, macht Dante nur, und seine Mundwinkel zucken amüsiert.
Die Bürotür wird so heftig aufgestoßen, dass ich einen Tadel von Dante erwarte, aber er lehnt sich nur entspannt in seinem Stuhl zurück und beobachtet, wie unser Sohn sich mit eisernem Blick im Raum umsieht.
Er mag mit seinem dunkelblonden Haar und den dunkelbraunen, fast schwarzen Augen mir äußerlich ähnlich sein, aber in allem anderen gleicht er Dante so sehr, dass es fast beängstigend ist. Die gleichen Gesten, die gleiche Mimik. Und dieser kühle Gesichtsausdruck mit der eisernen Geduld, die so verflucht gefährlich sein kann.
Wenn da nicht die restlichen kindlichen Gesichtszüge wären. Und dieser Körper voller Teenager-Hormone. Und die manchmal noch kicksende Stimme.
»Ma!« Misha räuspert sich, strafft die Schultern und versucht es erneut. »Ma!« Diesmal ist seine Stimme tief und voll und gibt einen ersten Ausblick darauf, was für ein Mann einmal aus ihm werden wird.
Er hat sich in Schale geworfen. Ein dunkler Dreiteiler, die Haare streng nach hinten gekämmt, genau so, wie Dante es trägt, wenn er zu einem Treffen aufbricht, bei dem es auf etwas ankommt. Eine einzelne Strähne hat sich bereits wieder gelöst und fällt ihm in die Stirn. Der Anzug sitzt noch ein wenig schief, das Sakko ist leicht knittrig, weil er vermutlich mal wieder die Abkürzung über das Geländer genommen hat, statt wie jeder normale Mensch in diesem Haus die Treppe zu benutzen. Die anderen Kinder werden ihm das irgendwann noch nachmachen, egal wie oft Dante oder ich ihn ermahnen. Und trotzdem trägt er diesen Anzug, als gehörte er längst dazu.
Leonardo erscheint hinter ihm. Seit einiger Zeit reagiert er nicht mehr, wenn man ihn Leo nennt, er will mit seinem vollen Namen angesprochen werden. Auch er trägt einen Anzug, dazu eine reichlich seltsam gebundene Krawatte.
»Habt ihr Krawatte binden geübt?«, frage ich, und es fällt mir ein wenig schwer, dabei ernst zu bleiben. Zwei Teenager im Haus zu haben, ist zwar anstrengend, aber auch verflucht unterhaltsam. Vor allem, wenn sie sich so sehr bemühen, erwachsen zu sein und ihren Vätern nachzueifern.
»Das ist nicht witzig, Ma.« Misha verschränkt die Arme, ganz der Anführer, der er einmal sein will. »Wir haben geübt. Richtig geübt. Und dann kommt sie an, stört die ganze Zeit, quatscht dazwischen, lacht uns aus …« Die Empörung überholt seine Worte, sodass er einmal Luft holen muss. »Und dann hat sie mir einfach die Krawatte geklaut. Mitten aus dem Zimmer. Einfach so.«
Ich beiße mir auf die Innenseite der Wange, um nicht zu lachen. Dante nicht. Mein Mann lehnt sich ganz langsam in seinem Stuhl zurück, der sein vertrautes, leises Quietschen von sich gibt. Dann beugt er sich zur Seite und wirft einen Blick unter die schwere Platte seines Schreibtisches.
»Tessa?«, sagt er. Streng. Mit genau der Stimme, vor der erwachsene Männer erblassen.
Einen Herzschlag lang ist es still.
»Ja, Daddy?«, kommt es dann von irgendwo unter dem Tisch hervor. Klein, hell und kein bisschen schuldbewusst.